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date: 2023-10-31T17:53 tags: [date/2023/10/31, gemnews]
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created: 2023-10-31T18:33:05 (UTC +01:00) tags: [] source:
author: Torben Becker
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Meron Mendel über Israel: "Angesichts dieser unfassbaren Grausamkeit sollte man sich einen Moment nehmen, innezuhalten" | ZEIT Campus
## Excerpt
archived 31 Oct 2023 11:59:08 UTC
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_Meron Mendel ist Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Seit 30 Jahren engagiert er sich für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern.
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Meron Mendel: Nein. Immer dann, wenn der
eskaliert, nehmen hierzulande antisemitische Straftaten zu. Das war 2014 so, als
in Gaza die Militäroperation Protective Edge begann, und auch 2021, in der Zeit der Operation Guardian of the Walls. Die Solidarität mit Palästina ist für bestimmte Milieus – seien es muslimisch-migrantische oder linke – identitätsstiftend. In Teilen dieser Gruppen wachsen und gedeihen antisemitische Vorstellungen, die von der Feindschaft gegen Israel getrieben werden. Dieses Mal ist das Ausmaß der Hasstaten noch deutlich größer. Wir haben es mit einer regelrechten Welle antisemitischer Enthemmung auf der Straße und in Teilen der Kultur- und Kunstszene zu tun.
Mendel: Die Massaker vom 7. Oktober haben uns in einen Abgrund der Zivilisation blicken lassen. Die ganze Welt hat zum Beispiel die Bilder von Shani Louk gesehen, einer jungen deutsch-israelischen Frau, die auf dem Technofestival Tribe of Nova in der Negev-Wüste entführt, halb nackt und bewusstlos auf der Ladefläche eines Pick-ups durch
gefahren und von jubelnden Männern geschlagen und bespuckt wurde, während ein Hamas-Terrorist auf ihr saß. Kinder wurden gefoltert und auf grausamste Art und Weise ermordet. In der Geschichte gibt es immer wieder Momente wie diese, die so grauenvoll sind, dass sie für sich betrachtet werden müssen. Dazu zählen auch die Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila am Rande von Beirut 1982. Die Lager waren damals von israelischen Soldaten umstellt, als libanesische, maronitisch-katholische Milizionäre sie stürmten und überwiegend Frauen, Kinder und Alte folterten, vergewaltigten und töteten. Bis heute ist das ein Schandfleck der israelischen Geschichte, weil die israelische Armee das Massaker duldete. Derartige Verbrechen gegen die Menschlichkeit lassen sich durch nichts entschuldigen oder kontextualisieren. Auch der 7. Oktober markiert eine solche Zäsur.
ZEIT Campus: Auf die Kontextualisierung berufen sich gerade Teile der europäischen Linken.
Mendel: Ja, das ist in Mode. Ich habe nichts gegen Kontextualisierung an sich, dennoch frage ich mich, warum es vielen so schwerfällt, erst mal die Dimension des Verbrechens an sich anzuerkennen und angesichts dieser unfassbaren Grausamkeit einen Moment innezuhalten, einen Moment still zu sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass nach den Massakern in Srebrenica während des Bosnien-Kriegs oder im ukrainischen Butscha sogleich die Forderung nach einer Kontextualisierung der Verbrechen erhoben wurde. Warum wird die Kontextualisierung ausgerechnet dann reflexhaft eingefordert, wenn Israelis abgeschlachtet werden? Natürlich sollte man auch in Zukunft über die Besatzung des Westjordanlands, über Israels Siedlungspolitik, über die nationalistische Regierung diskutieren, aber nicht in jenem Moment, wenn ganze Familien noch zu Grabe getragen werden. Und kontextualisieren heißt auch, beide Seiten zu beleuchten und nicht nur über die israelische Besatzung zu sprechen, sondern auch darüber, dass die Hamas-Terroristen alles andere als Freiheitskämpfer für die palästinensische Sache sind. Was am 7. Oktober geschehen ist, hat überhaupt nichts mit dem politischen Anliegen der Palästinenser:innen zu tun.
ZEIT Campus: Wie meinen Sie das?
Mendel: Die Hamas hat eine fundamentalistische Ideologie, die darauf abzielt, alle Jüdinnen und Juden in Israel zu vernichten. Danach vernichtet sie alle Palästinenser:innen, die nicht zu ihrer Ideologie passen, seien es Homosexuelle oder Frauen, die keinen Schleier tragen wollen. Und diese ziemlich banale und einfache Erkenntnis wird von Aktivist:innen im Pro-Palästina-Lager völlig ignoriert. Ich staune immer wieder darüber, dass es ihnen so schwerfällt, die Hamas ohne Wenn und Aber zu verurteilen.
ZEIT Campus: In der ZEIT
: "Das deutsche Bekenntnis zu Israel darf jedenfalls nicht so ausgelegt werden, dass Palästinenser in Deutschland mundtot gemacht werden." Gerade wurden einige Pro-Palästina-Demonstrationen in Hamburg und Frankfurt am Main verboten. Glauben Sie, das ist das richtige Mittel gegen Antisemitismus?
Mendel: Auch ich bin für einen unabhängigen palästinensischen Staat neben dem Staat Israel, in den international anerkannten Grenzen von 1967. Wenn man das verlangt und nicht die Vernichtung Israels fordert, dann muss es möglich sein, sich in Deutschland öffentlich mit den Palästinenser:innen zu solidarisieren. Diese Art der Solidarität darf nicht unter dem Vorwand des Antisemitismus verboten werden. Meine Erfahrung ist, dass polizeiliche Maßnahmen keine nachhaltige Lösung sind, nur mit Bildung und Dialog lässt sich etwas verändern. Anders bewerte ich extremistische Vereine wie Samidoun. Dessen Mitglieder propagieren offen die Vernichtung Israels und feierten den Hamas-Terror auf deutschen Straßen. In solchen Fällen halte ich ein Verbot für überfällig. Wir haben hier jetzt etwas auszubaden, das schon sehr lange geköchelt hat.
ZEIT Campus: Aktuell geht es vor allem um öffentlich geäußerten Antisemitismus.
Mendel: Aus demokratischer Perspektive ist die Versammlungsfreiheit ein sehr hohes Gut. Von daher ist es besser, soweit es geht, nicht die gesamte Demonstration zu verbieten, sondern Menschen für ihr individuelles Handeln zur Rechenschaft zu ziehen, wenn sie etwa Gewalt verherrlichen oder sich menschenverachtend äußern. Wenn zum Beispiel jemand auf der Straße antisemitische Parolen ruft, dann muss diese Person angezeigt werden, egal, ob sie dies im Rahmen einer Demonstration oder im Alltag tut. Ein generelles Demonstrationsverbot würde eher zeigen, dass die Polizei nicht in der Lage wäre, genau dies zu tun: Straftatbestände konsequent zu verfolgen. Das ist ein Versagen der Sicherheitskräfte.
Die Hamas wollte jegliche Hoffnung zerstören, jegliche Chance, aufeinander zuzugehen. Das ist die Logik hinter dieser Grausamkeit.
ZEIT Campus: Kritiker:innen beklagen, dass Pro-Palästina-Demonstrationen unter einem Generalverdacht gestanden hätten.
Mendel: Natürlich gibt es auch Demonstrierende, die friedlich für die Rechte der Palästinenser:innen eintreten und ihre Solidarität mit der Zivilgesellschaft in Gaza zum Ausdruck bringen möchten. Diese Menschen müssen die Möglichkeit bekommen, dies kritisch zu tun, ohne Hetze zu verbreiten. Das zu gewährleisten ist auch Aufgabe des Staates.
ZEIT Campus: Ihr aktuelles Buch trägt den Titel Über Israel reden: Eine deutsche Debatte. Gibt es etwas, das Ihnen in diesen Zeiten Hoffnung schenkt?
Mendel: In meinem aktuellen Bewusstseinszustand kann ich mir kaum einen positiven Ausblick ausmalen. Für mich ist das alles wirklich noch sehr schwer zu begreifen. Aber genau das wollte die Hamas erreichen: jegliche Hoffnung zerstören, jegliche Chance, aufeinander zuzugehen. Das ist die Logik hinter dieser Grausamkeit. Was mir aber hilft, mich mental am Leben hält, ist meine muslimische Familie, die Eltern und Geschwister meiner muslimischen Frau, die sehr empathisch sind. Dafür bin ich sehr dankbar.
Meron Mendel über Israel: "Angesichts dieser unfassbaren Grausamkeit sollte man sich einen Moment nehmen, innezuhalten" | ZEIT Campus was published on 2023-10-31
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