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date: 2023-10-31T17:29 tags: [date/2023/10/31, gemnews]

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created: 2023-10-31T18:24:51 (UTC +01:00) tags: [] source:

https://archive.ph/ohkcS (https://archive.ph)

author: Milo Rau

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Gesellschaftsordnung: Was bleibt vom linken Traum? | ZEIT ONLINE


## Excerpt


archived 10 Jun 2023 07:21:14 UTC


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Was bleibt vom linken Traum? – Seite 1


Tragödie oder Farce


Der Kommunismus zwingt uns, unsere Gegenwart zu historisieren

von Milo Rau

Vom Kommunismus lernen, das klingt wie die Aufforderung, in einem seit Jahren nicht mehr gewarteten Pool zu baden, in dem eventuell ein Hai lauert. Denn das K-Wort steht im besten Fall für linkspopulistische Theorie-Ergüsse à la Slavoj Žižek und realsozialistische DDR-Tristesse, im schlimmsten Fall aber für Stalinschen Terror, desaströse Industrialisierungsprojekte und Millionen Hungertote.

Es lässt sich aber auch vieles aufzählen, was einmal kommunistisch oder sozialistisch hieß und vom Stalinismus verschüttet wurde. Inspirierend ist die heute fast vergessene Frühphase des Kommunismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die nicht von staatsterroristischen Allmachtsfantasien zeugt, sondern in der die eine große und die vielen kleinen Gerechtigkeiten, also ökonomische Umverteilung und Identitätspolitik, zusammengedacht wurden.

August Bebel (https://archive.ph)

, einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie, setzte sich nicht nur für die Arbeiterklasse, sondern auch für Homosexuelle ein. Und schon zu Marx’ Zeiten wurde über Frauenrechte gestritten. Die seit Trumps Wahl verbreitete Mär, neoliberale Pseudosozialisten wie Clinton oder Hollande hätten über ihre identitätspolitischen Elite-Problemchen den einfachen Mann aus den Augen verloren und ihn in die Arme der Rechten getrieben, ist daher mindestens geschichtsvergessen. Was einen Marxisten von einem Populisten unterscheidet, ist, dass er mit "Arbeiter" nicht nur die amerikanischen oder deutschen Stahlarbeiter meint, sondern die Arbeiterinnen und Arbeiter der ganzen Welt. Gerade wegen seines Universalismus muss der wahre Kommunist auch Feminist und Antirassist sein.

Die andere, weniger populäre, da zwiespältige Lehre aus dem Kommunismus ist die leninistische. Es ist die Lehre des radikalen Neins, des Neins zum Common Sense und zum Immer-weiter.

Die Geburtsstunde der kommunistischen Parteien war der

Erste Weltkrieg (https://archive.ph)

. Denn der Krieg verletzte die zentrale kommunistische Idee: die einer gemeinsamen, unteilbaren Humanität (was Lenin nicht davon abhielt, Russland nach seinem Nein zum Ersten Weltkrieg in einen grauenhaften Bürgerkrieg zu stürzen).

Man unterschätzt, wie schwierig es war, in der allgemeinen Kriegsbegeisterung Nein zu sagen. Die

SPD (https://archive.ph)

sagte 1914 Ja zu den Kriegskrediten – doch in Teilen der Partei rumorte es, 1917 entstand die USPD als Abspaltung und daraus schließlich die KPD. Frieden um jeden Preis, das erschien vielen Zeitgenossen als eine schlichtweg verrückte Idee. Der millionenfache Tod war zur Normalität geworden, jede Seite dachte, der Sieg werde sich spätestens nach der nächsten Offensive einstellen.

Heute ist das Neinsagen nicht sehr viel leichter geworden. Angesichts der Zahlen, die uns Klimapolitiker vorrechnen, angesichts des wieder erwachenden Faschismus in Europa und des von Trump geschürten Risikos eines Atomkrieges in Asien, angesichts des millionenfachen Hunger- und Bürgerkriegstods in den Zuliefererländern unserer Wirtschaft müssten wir eigentlich schlaflos sein. Aber irgendwie schaffen wir es, das, was wir wissen, vor uns selbst zu verleugnen. Die über Generationen eingeübte Lethargie, die Angst vor Chaos und Gewalt sind stärker. Aber das Chaos und die Gewalt sind längst unter uns. Wir haben das radikale Nein verlernt.

Als der Neffe Napoleons, der Urvater aller Populisten, 1850 die Macht in Frankreich übernahm, schrieb Marx seinen berühmten Satz, dass sich alles zweimal ereigne, einmal als Tragödie und einmal als Farce. Darin liegt vielleicht die wichtigste Lehre des Kommunismus: Nur die konsequente Historisierung der Gegenwart kann den Menschen befreien. Wenn wir die Welt als menschengemacht betrachten, erscheinen viele vermeintliche Sachzwänge als das, was sie sind: Machtstrategien, denen man sich entgegenstellen kann. Aus der Geschichte lernen lässt sich nur im Modus des Futur zwei: Wir verstehen die Vergangenheit nur, wenn wir versuchen, unsere Gegenwart gleichsam aus der Zukunft zu betrachten. Mit dem kommunistischen, dem utopischen Blick.

Die Zeit ist reif


Die Zeit ist reif


Was in der UdSSR scheiterte, könnte heute gelingen

von Laura Meschede

Im Mittelalter war die Ordnung der Dinge gottgegeben. Die meisten Menschen waren Bauern und hatten nichts zu sagen. Hätte jemand nach freien und gleichen Wahlen gerufen, er wäre ausgelacht worden. Oder bekämpft. Ein Spinner! Ein Ketzer!

Zu allen Zeiten haben die Menschen geglaubt, dass das System, in dem sie leben, ewig halten wird. Und zu allen Zeiten haben sie sich geirrt. Heute denken wir, dass der Kapitalismus ewig halten wird.

Karl Marx (https://archive.ph)

hat entdeckt, dass der Stand von Wissenschaft und Technik eine Bedingung für die Veränderung von politischen und wirtschaftlichen Systemen ist. Erst wenn die Art zu arbeiten und zu produzieren sich verändert hat, kann sich auch das System verändern, in dem die Menschen leben. Und zwar dann, wenn die neue Art zu produzieren in Konflikt mit dem alten System gerät.

Im Mittelalter wäre eine Demokratie, wie wir sie heute haben, nicht möglich gewesen. Lange bevor in Deutschland die Demokratie eingeführt wurde aber haben sich in den Städten gewählte Räte herausgebildet. Ein Keim des neuen Systems in der alten Ordnung.

Als die Bolschewiki vor hundert Jahren die Macht übernommen haben, kam

Russland (https://archive.ph)

sozusagen direkt aus dem Mittelalter. 85 Prozent der Menschen waren Bauern. Und statt überlegen zu können, wer Herr über die Fabriken werden soll, mussten die Sozialisten diese erst einmal bauen. Der Keim des Neuen im Alten war noch sehr klein.

Das ist heute anders. Kollektives Arbeiten hat sich im Kapitalismus längst etabliert. Wikipedia basiert auf der freiwilligen Arbeit Tausender. Über "Couchsurfing" vernetzen sich Menschen, um anderen im Urlaub eine kostenlose Unterkunft zu bieten. Und via "Open Source" stellen Leute den Quellcode ihrer selbst entwickelten Programme ins Internet, damit andere sie kostenlos nutzen und weiterentwickeln können. Aber so, wie im Mittelalter Fürsten und Könige versucht haben, die Stadträte kleinzuhalten, hemmt in unserer Zeit das Kapital die Entwicklung neuer Organisationsformen. Kaum hat sich eine Idee der kollektiven Organisierung verbreitet, kommt irgendein Konzern und versucht, sie zu Geld zu machen. Und schwups, werden die Mitfahrzentralen von einem Monopolisten aufgekauft und sind fortan ein Geschäft.

Der Keim des Systems jedoch, von dem Karl Marx geträumt hat, ist gelegt. Privatbesitz an Unternehmen ist schon lange keine Voraussetzung für das Funktionieren einer Wirtschaft mehr: Über Aktiengesellschaften können riesige Betriebe Tausenden Menschen gleichzeitig gehören. Dass etwa die Daimler-Aktien nicht von den Arbeitern in den hauseigenen Werken gehalten werden, sondern unter Konzernen, reichen Privatpersonen und Staaten am anderen Ende der Welt aufgeteilt sind, lässt sich dabei kaum rechtfertigen.

Im Russland vor hundert Jahren mag die Zeit noch nicht reif gewesen sein für die Abschaffung des Kapitalismus. Heute ist sie es. Zeit für einen neuen Versuch.

Ohne Markt geht es nicht


Ohne Markt geht es nicht


Aber auch nicht ohne Sozialismus, der die Gegenkräfte stärkt

von Pranab Bardhan

Es mag bizarr klingen, die Zukunftsperspektiven des Sozialismus in einer Zeit zu erörtern, in der weltweit der rechte Populismus tobt und die Unterstützung für die traditionellen linken Parteien dahinschmilzt. Auch aus historischen Gründen erscheint er kaum als verlockende Alternative. Hat das Jahr 1989 doch gezeigt, dass die sogenannten kommunistischen Länder vor allem an zwei Dingen zugrunde gegangen sind: zum einen an ihrem Autoritarismus und ihren Menschenrechtsverletzungen; zum anderen am Versagen der Kommando- und Kontrollwirtschaft.

Gute Gründe, über mehr Sozialismus nachzudenken, gibt es dennoch, denn in einer Zeit wachsender Einkommens- und Vermögensunterschiede wirken dessen egalitäre Ziele ziemlich überzeugend. Es bestehen auch historische Anknüpfungspunkte: In Westeuropa, Indien und einigen Winkeln Lateinamerikas blickt der Sozialismus auf demokratischere Vorläufer zurück.

Sozialismus meint dabei vielerorts eine Umverteilung des Mehrwerts zugunsten der Arbeitnehmerschaft, während der Mehrwert selbst durch ein kapitalistisches System geschaffen wird. In einigen Ländern (wie Frankreich, Brasilien oder Indien) spielt der Staat eine wichtige, allerdings seit Jahren schrumpfende Rolle in der Fertigung. Beispiele, in denen ein überwiegend staatlich kontrolliertes Produktionssystem von Erfolg gekrönt ist, gibt es hingegen kaum. Selbst in China sind die meisten florierenden Branchen zunehmend privatwirtschaftlich organisiert. Den Kapitalismus abzuschaffen ist daher keine Lösung. Auch wenn Kapitalkonzentration und der Zugriff von Kapitaleignern auf politische Prozesse enorme Gefahren darstellen. Ziel muss es sein, die Gegenmacht der Arbeitnehmer zu stärken. Was tun also? Drei Vorschläge:

Es müssen, erstens, mehr Arbeitnehmer in die Unternehmensführungen. Hier sind das deutsche Betriebsratssystem und das nordische Modell von Tarifverhandlungen mit sehr starken Gewerkschaften Vorbilder.

Zweitens braucht es ein allgemeines Grundeinkommen, denn in reichen wie armen Ländern wächst der informelle Sektor der Selbstständigen, Freiberufler und "selbstständigen Unternehmer". Solchen Arbeitskräften kann ein ergänzendes Grundeinkommen eine Mindestsicherung bieten, die es ihnen ermöglicht, nach besseren Aufträgen und unternehmerischen Chancen zu suchen. Arbeitnehmerorganisationen können dadurch eine Brücke zwischen den beiden Gruppen bauen, in welche die Arbeiterschaft heute gespalten ist: den angestellten und den nicht angestellten Beschäftigten.

Drittens müssen sich die sozialistischen Parteien bewusst sein, dass viele ihrer Wähler und Nichtmehrwähler wütend über ihre kulturelle Ferne zu jener kosmopolitischen Elite sind, die auch in den sozialdemokratischen Parteien den Ton angibt. Profitiert haben von dieser Wut die Neuen Rechten. Die Gewerkschaften könnten dem entgegenwirken, indem sie gemeinsam mit Nachbarschaftsinitiativen und religiösen Organisationen eine aktive Rolle im lokalen Kulturleben spielen, wie das in manchen europäischen und lateinamerikanischen Ländern einst der Fall war, und so die Vorurteile gegen Minderheiten und Einwanderer bekämpfen.

Demokratischer Sozialismus ist eine Frage der Organisation. Es bleibt ein steiniger Weg. Aber er ist gangbar.

Aus dem Englischen von Michael Adrian

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Gesellschaftsordnung: Was bleibt vom linken Traum? | ZEIT ONLINE was published on 2023-10-31

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