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date: 2023-10-28T06:19 tags: [date/2023/10/28, gemnews]
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created: 2023-10-28T08:18:33 (UTC +02:00) tags: [] source:
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Natan Sznaider zum Nahostkonflikt: Zur Lüge der Linken - Kultur - SZ.de
## Excerpt
archived 25 Oct 2023 07:09:50 UTC
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"Der alleinige Weg zur Errichtung einer solchen allgemeinen Gewalt, die in der Lage ist, die Menschen vor dem Angriff Fremder und vor gegenseitigen Übergriffen zu schützen und ihnen dadurch eine solche Sicherheit zu verschaffen, dass sie sich durch eigenen Fleiß und von den Früchten der Erde ernähren und zufrieden leben können, liegt in der Übertragung ihrer gesamten Macht und Stärke auf einen Menschen oder eine Versammlung von Menschen, die ihre Einzelwillen durch Stimmenmehrheit auf einen Willen reduzieren können."
Mit diesen Worten begründet der englische Philosoph und politische Theoretiker Thomas Hobbes in seinem 1651 erschienenen Buch "Leviathan" die Legitimität des modernen Staates. Es geht darum, Sicherheit zu schaffen. All das vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges, eines der blutigsten Kriege in Europa. Es sind diese Grausamkeiten, die ein Staat verhindern soll.
Am 7. Oktober 2023 wurden im Süden Israels von den Horden der Hamas unsägliche Grausamkeiten begangen. Die Pietät verbietet es, sich ein Bild davon zu machen. Die Folterungen von kleinen Kindern, die Vergewaltigungen von Frauen, die Gewalttätigkeiten, die Menschen durch die Hamas erleiden mussten. Nicht nur um die Erniedrigung der israelischen Besatzer geht es den Folterern, nicht um einen grausamen antikolonialistischen Kampf, sondern darum, ihre Rohheit, Bestialität und Mordlust gegenüber Juden und Jüdinnen der Welt zu zeigen und zu feiern. Der Ruf "Schlachtet die Juden ab!" war während dieses kollektiven Amoklaufs gegenwärtig. Die Menschen waren der Gewalt ausgeliefert, der Staat war nicht da, um sie zu beschützen. Und mehr als 200 Menschen wurden verschleppt.
Welche Vergehen begehen Tanzende? Ist es nur die jüdische Welt, die hier attackiert wurde?
Wir leben in wahrhaft finsteren Zeiten. Wenn tanzende Israelis getötet, verschleppt und erniedrigt werden, dann werden tanzende Menschen überall angegriffen. In diesen finsteren Zeiten wird das jüdische Problem zum Problem aller. Welche Vergehen haben die Tanzenden vor knapp acht Jahren im Bataclan in Paris begangen? Auch dort ließ der Staat auf sich warten, bis er energisch einschritt. Der Staat hat am 7. Oktober in
versagt. Das ist der eigentliche gesellschaftliche Kollaps, wenn es den Staat, der uns schützen soll, nicht mehr gibt. Das ist der Bruch mit der vertrauten Welt. Wie stellt man dieses Vertrauen in die Welt wieder her?
Es gibt diejenigen, die sich von ihren moralischen Vorstellungen treiben lassen, Unterschriften unter Aufrufe setzen, die Gewalt auf allen Seiten verurteilen, mit Zuweisung von Schuld und Unschuld. Damit ist die scheinbare Sicherheit, die Welt zu verstehen, wiederhergestellt. Sicher hat Israel Jahrzehnte lang Unrecht in Gaza begangen. Und die Besatzung führt viel zu oft zu Machtmissbrauch. Aber die Hamas ist keine nach Demokratie strebende antikolonialistische Organisation, wie sie von Teilen des progressiven Milieus gesehen wird. Die Mitglieder der Hamas, das sind Akteure, die Handlungsspielraum haben und ausüben. Dass dieser Handlungsspielraum von einer globalen Linken ausgeblendet wird, die in Texten und nicht in Wirklichkeiten lebt, wird zu einem Bruch mit progressiven Israelis führen, die jede auf Kompromiss beruhende Zukunft blockieren werden.
Viele israelische Politiker - an der Spitze der amtierende Premierminister Benjamin Netanjahu - dachten, dass man die Terror-Organisation militärisch und ökonomisch befrieden kann. Es ist aber ein universalistischer Trugschluss, dass Leidenschaften durch Interessen gezügelt werden können. Dieser universalistische Traum ist ein Traum von einer Welt ohne Politik und frei von Konflikten, einer idealen Welt, die hinter den Partikularitäten und Konflikten vermutet wird. Aber jeder universalistische Gedanke nach 1945 kann sich nicht mehr unschuldig auf die alte Welt und ihre transzendentale Vernunft und Gewissheiten berufen.
Gefolterte Kinder, Säuglinge als Geiseln: der moderne Mensch soll vor Abscheu zittern
Die pauschale Botschaft "Wohlstand durch Frieden" war auch der Grund, warum es in der Nähe des Kibbuz Re'im die große Raveparty gab. Die Botschaft war ein tödlicher Irrtum, mehr als 200 tanzende junge Menschen zahlten für diesen Irrtum den teuersten Preis. Es war wohl auch kein Zufall, dass so viele Menschen in ihren Wohnungen überfallen wurden, Orte der Sicherheit, der Familie und Sinngebung. Familien wurden gefunden, die gefoltert und ermordet wurden. Es ging den Mördern und Folterern genau um diese Grausamkeit, die alles Humane und Bürgerliche in den Schatten stellt. Die Grausamkeiten wurden gefilmt, gestreamt, verbreitet, die Hölle auf Erden für alle zugänglich. Für die einen sollte die Barbarei Angst und Schrecken verbreiten, für die anderen einen Triumph, ein Modell für spätere Aktionen.
Keine Zeit innezuhalten, keine Zeit zum Trauern, kein gebrochenes Herz? Im progressiven Milieu beginnt stattdessen die moralische Arithmetik der gegenseitig begangenen Grausamkeit.
(Foto: ARIS MESSINIS/AFP)
Langsam werden die Nachrichten über die begangenen Grausamkeiten immer klarer. Aber sie sind nicht vermittelbar. Das Geschehene und Gesehene lässt den modernen Menschen vor Abscheu zittern. Es ist weder die Brutalität der Taten noch die Technik der Inszenierung von Gewalt an sich, es ist vielmehr gerade die öffentliche Sichtbarkeit der Taten, die als Geiseln gehaltenen Säuglinge, das globale Spektakel, die diese (Un-)Taten so grausam machen.
Was alle Israelis wissen: Das hätte nicht passieren dürfen. Dafür kann und wird es keine Vergebung geben können. Es gibt auch keine Strafe dafür. Die gewaltsame israelische Reaktion ist keine Strafaktion, denn die kann es nicht geben. Es geht nicht darum, das Unbestrafbare zu bestrafen. Es ist eine in höchstem Maße militärische Aktion, die versucht, die Anwesenheit des Staates wiederherzustellen, die jüdisches Leben in Israel wieder möglich machen soll. Die Alternative wäre die Selbstaufgabe. Auch deshalb ist die Reaktion so hart. Und es ist auch eine Aktion, die die mehr als 200 verschleppten Menschen wieder nach Hause bringen soll. Der israelische Staat muss handeln, wenn jüdische Menschen weiter hier leben sollen. Alles ist möglich, auch ein größerer Krieg, der sehr lange dauern kann.
Immer noch weht der Geist der Documenta vom vergangenen Sommer durchs Land
Aber Israel kämpft nicht nur für seine Bürger. Und es kämpft nicht nur für Juden und Jüdinnen außerhalb Israels, die seit dem 7. Oktober in vielen Städten Europas in Gefahr sind. Es kämpft für alle tanzenden Menschen. Dennoch beginnt angesichts der Unwissenheit gerade im progressiven Milieu die moralische Arithmetik der gegenseitig begangenen Grausamkeit. Keine Zeit innezuhalten, keine Zeit zum Trauern, kein gebrochenes Herz?
Aufrufe werden veröffentlicht, und es wird differenziert, Gewalt verurteilt, ohne bereit zu sein, Gewalt von Gewalt zu unterscheiden. "From the River to the Sea" heißt es dann weiter, "Palestine will be free". Was vergangenes Jahr
als eine etwas abstrakte Kontroverse um Antisemitismus und Postkolonialismus noch unschuldig - auch von mir - debattiert wurde, hat nun seine Unschuld verloren. Am 7. Oktober haben wir gesehen, welche ungezügelte Barbarei frei wurde. Das hielt aber eine Gruppe von Künstlern und Künstlerinnen - wohl im Sinne der Documenta - nicht davon ab, schon am 19. Oktober einen Brief zu veröffentlichen, der die Befreiung Palästinas fordert, Israel des Völkermords beschuldigt. In dem Brief werden die Massaker des 7. Oktober nicht mit einem einzigen Wort erwähnt. Gott sei Dank gibt es auch andere Reaktionen ...
Schon aus Eigeninteresse müssten die Milieus des Westens wissen, worum es hier geht
Wie viel moralische und politische Blindheit ist möglich? Wie kann das noch nie Geschehene mit Kategorien des Bekannten verknüpft werden? Zu oft wird dann einfach mit einem moralischen Universalismus der unterschiedslosen Opfer argumentiert. Man fühlt mit allen mit. Ist Mitgefühl daher eine allgemeingültige Idee, die das Konkrete aufhebt, obwohl diese vom konkreten Schmerz ausgehen muss, um überhaupt zu wirken?
Aber es geht hier weder um Mitgefühl noch um emotionale Solidarität, weil man früher Juden und Jüdinnen vernichtete, noch darum "Palästina von deutscher Schuld zu befreien", wie es nun heißt. Was auf dem Spiel steht, ist ein auf Eigeninteresse beruhendes politisches Urteilsvermögen, das versteht, worum es bei diesem Krieg geht. Und dass dieser Kampf auch für diejenigen Deutschen geführt wird, die "Free Palestine from German Guilt" skandieren, wohl der skandalöseste und fast schon nazistische Schlachtruf eines politischen Milieus, das den politischen Kompass verloren hat.
Und trotzdem: Es ist eine große Leistung freier demokratischer Gesellschaften, auch moralisch und politisch fehlgeleitete Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zu tolerieren. Auch darum geht es nun in diesem Krieg. Nicht nur um das Überleben der Israelis und Juden, sondern um das Besiegen des Dschihadismus. Damit auch die Gegner der Juden frei leben können.
Natan Sznaider wurde 1954 in Mannheim als Kind aus Polen stammender Überlebender der Schoah geboren. Er ging mit 20 Jahren nach Israel. Sznaider lehrte als Professor für Soziologie an der Hochschule Tel Aviv.
Natan Sznaider zum Nahostkonflikt: Zur Lüge der Linken - Kultur - SZ.de was published on 2023-10-28
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