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date: 2023-10-27T17:19 tags: [date/2023/10/27, gemnews]

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created: 2023-10-18T19:35:48 (UTC +02:00) tags: [Debatte,Debattenkultur,Die Linke,Kultur,Süddeutsche Zeitung] source:

https://www.sueddeutsche.de/kultur/verrueckte-debattenkultur-linke-hasnain-kazim-twitter-x-1.6288221 (https://www.sueddeutsche.de)

author: Süddeutsche Zeitung

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Über linke Debattenkultur von Hasnain Kazim: Ist mein Sohn dunkel genug? - Kultur - SZ.de


## Excerpt


Gemetzel, Gefühle und das mit der Community: Zwischenruf eines Deutschen von indisch-pakistanischer Abstammung zum Stand der Debattenkultur.


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Gemetzel, Gefühle und die Sache mit der Community: Zwischenruf eines Deutschen indisch-pakistanischer Abstammung zum Stand der verrückt gewordenen Debattenkultur.

Kürzlich hat mich Bodo Ramelow von der Linkspartei geblockt. Der griechische Dramatiker Euripides schrieb 430 Jahre vor der Geburt Christi in seiner Tragödie "Andromache": "Ein weises Wort ist jenes, das die Menschen lehrt / Die Reden anzuhören auch des andern Teils." Zweieinhalbtausend Jahre später ist das immer noch richtig. Um es mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt zu sagen: "Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine."

Umso mehr überraschte mich, als ich auf Elon Musks auch sonst schwer aus dem Ruder laufenden Netzwerk X entdeckte, dass mich der thüringische Ministerpräsident von seiner Seite ausgesperrt hat. Ich bin Ramelow nie persönlich begegnet, halte ihn aber aus der Ferne betrachtet für im Großen und Ganzen ganz vernünftig. Nun gäbe es, sollte ich doch mal mit ihm reden wollen, andere Wege, aber merkwürdig finde ich sein Verhalten schon. Da ich den Grund nicht kenne und weil es sich doch eigentlich für einen demokratischen Politiker gehört, mit jedem zu reden, der kein Extremist ist. Man mag nicht alle meine Positionen teilen, aber als Extremist würde ich mich nicht sehen.

Eben noch mit der Kollegin im selben Buch, schon blockiert sie mich


Womöglich stehe ich auf einer Blockliste, weil einige meiner Ansichten manchen Leuten nicht links genug sind. Dieser Gedanke kam mir, weil ich kürzlich die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo via X kontaktieren wollte. Ich habe mal eine Lesung gemeinsam mit Otoo bestritten, und auch wenn wir politisch sicherlich in einigen Bereichen auseinanderliegen (oder eben: weil), wäre, so fand ich, ein Gespräch mit ihr eine gute Sache. Wir haben Anfang dieses Jahres sogar gemeinsam in einem Buch, dem Essayband "Anders bleiben", Texte veröffentlicht, Untertitel des Buches: "Briefe der Hoffnung in verhärteten Zeiten".

Nun wollte ich ihr via X schreiben - und bekomme die Antwort: "@SharonDoduaOtoo hat dich blockiert."

Jeder kann blocken, wen er mag. Es gibt kein Recht auf Gehör und keine Pflicht, anderen zuzuhören. Ich kann nachempfinden, dass man jemanden ausblenden möchte, der mit seinen Äußerungen nervt. Aber es wäre im demokratischen Sinne, denen zuzuhören, die sich innerhalb des demokratischen Rahmens bewegen, oder? Das aber geschieht immer weniger, und es führt zu einer derzeit massiven Erosion unserer Streitkultur. Es wird unsere Demokratie ruinieren, wenn wir im anderen keinen Mitmenschen mehr sehen, mit dem wir um die richtige Haltung ringen, sondern einen Feind. Und nur in dem, der unsere Haltung zu dieser oder jener Frage teilt, einen Freund.

Deutlich wurde das in den vergangenen Wochen in den sozialen Medien: Da erlebte die US-amerikanische Social-Media-Plattform

Bluesky (https://www.sueddeutsche.de)

, einst dezentral hervorgegangen aus Twitter, einen Boom in Deutschland. Tausende Menschen melden sich in diesen Tagen dort an und sehen darin eine Alternative zu Twitter, das seit der Übernahme durch den mit rechtspopulistischen und klar

antisemitischen Äußerungen auffällig gewordenen Milliardär Elon Musk X (https://www.sueddeutsche.de)

heißt. Im "Blauen Himmel" hingegen sollen fortan paradiesische Zustände herrschen, denn noch kann man dort nur dann einen Account eröffnen, nachdem man einen Einladungscode von einem Nutzer erhalten hat. Manche hofften nun inbrünstig, dass Menschen mit ihnen nicht genehmen Meinungen nicht unter diesen Himmel gebeten werden. Prompt entbrannte eine

Debatte (https://www.sueddeutsche.de)

darüber, dass man bitte keine Journalisten von Bild einladen solle.

Von zehn bis 14 Uhr sind Blonde im Museum unerwünscht. Wie sage ich's meiner Frau?


Längst ist das Denken, man benötige überall Schutzräume für sämtliche Gruppen, in der realen Welt angekommen. Eine gerade beendete Ausstellung mit dem Titel "Das ist kolonial" im schönen LWL-Museum Zeche Zollern in Dortmund war samstags von zehn bis 14 Uhr ausschließlich für "Black, Indigenous and People of Color", kurz: "BIPoC" geöffnet. Ziel sei es, teilte das Museum mit, einen "Safer Space" zu schaffen, in dem sich Menschen, die von Rassismus betroffen sind, vor weiteren (auch unbewussten) Diskriminierungen schützen können".

Ich kann nachvollziehen, dass Menschen, die von Rassismus betroffen sind, bisweilen unter sich bleiben und ihre Erfahrungen austauschen möchten - ich gehöre aufgrund meiner braunen Haut, meiner schwarzen Haare und meines Namens selbst zu Menschen, die immer wieder mal Rassismus erfahren. Aber an einem Ort, der zu jeder Zeit allen Menschen offen stehen sollte? Auf eine Weise, dass der Eindruck entstehen muss, dass erlittene Diskriminierung mit der nächsten Diskriminierung bekämpft wird? Kritik daran wurde in den sozialen Medien umgehend relativiert, es handele sich in Dortmund lediglich um ein "Experiment", das auf Wunsch "der Community" zustande gekommen sei. Der Community? Wer ist das? Und warum bin ich es nicht? Es handele sich, hieß es weiter, um einen "Vorschlag", nicht um ein "Verbot", allerdings möge man bitte kein "Spielverderber" sein und sich daran halten.

Heißt: Halte ich, Hasnain Kazim, mich an die Spielregeln, kann ich samstags rein. Meine Frau, weiß und blond, sollte, wenn sie sich nicht dem Vorwurf des Vertrauensbruchs der Community aussetzen will, mit mir zusammen besser nicht rein, auch wenn sie mich womöglich gerne begleiten würde, immerhin bin ich ihr Mann. Und unser Sohn? Ist er samstags zwischen zehn und 14 Uhr dunkel genug? Und wie kann ich das vorher so überprüfen, dass sich im Museum hinterher niemand gekränkt fühlt?

Woher der Hass auf eine Drei-Prozent-Partei, die offenbar gute Oppositionspolitik gemacht hat?


Man fürchtet also Widerworte. Jede Äußerung, die irgendwie nicht passt. Es schadet aber der Demokratie, wenn man bei jedem schrägen Ton gleich traumatisiert zurückzubleiben meint. Wenn jede zweite Ansprache als "nicht wertschätzend" aufgenommen wird.

Linke (https://www.sueddeutsche.de)

wollen ihre Safe Spaces unterm blauen Himmel, Rechte sehen bei jedem Widerwort ihre Meinungsfreiheit angegriffen. Nachvollziehbar ist diese Sorge vor den Folgen von Meinungsäußerung selten - aber sie ist es zunehmend dann, wenn die Reaktion auf bürgerliche Widerworte immer nur "Nazi!", "Rassist!", "Faschist!" oder "Islamhasser!" ist.

Nach der Landtagswahl in Bayern, als zwei Drittel (und sehr, sehr viele junge Wähler) ihr Kreuz rechts oder weit rechts der Mitte machten, immerhin fast 15 Prozent bei einer rechtsextremen Partei, kann man ins Nachdenken kommen. Dass die "Demokratie in Gefahr" und ein "Notfallplan" vonnöten sei, wie es die Grünen in Bayern forderten, erscheint mir aber als nicht vernünftig, sondern als hysterisch. Die Demokratie gefährden, wenn, dann wir alle - siehe oben. Sie steht aber nicht vor dem Aus, nur weil man Söder nicht mag und Aiwanger nicht, sie steht nicht einmal vor dem Aus, wenn sich so viele, die entweder rechtsextrem sind oder eben Rechtsextremismus nicht so arg schlimm finden, AfD wählen. Natürlich muss man all das kritisieren, aber wieso die Nerven verlieren?

Ich kenne Menschen, die sind sofort auf hundertachtzig, wenn sie den CDU-Chef Friedrich Merz etwas sagen hören, oder Christian Lindner, dessen Partei, die FDP, sogar nach Auffassung der Süddeutschen Zeitung in den zurückliegenden vier Jahren in Bayern eine konstruktive, gute Oppositionspolitik gemacht hat und die das Land nicht in den Abgrund stürzen wird, zumal nicht mit einem Wahlergebnis von drei Prozent. Ebenso weiß ich von Menschen, die sofort Puls bekommen, wenn sie Claudia Roth oder Ricarda Lang reden hören - und es ist wirklich völlig egal, was die beiden sagen.

Neulich in Upahl: Vernünftig aussehende Menschen, auf ihren Plakaten waren Galgen


Wir sind Menschen und haben Gefühle, aber wir haben auch ein Gehirn und können es benutzen: Wenn man sich zum Beispiel über eine Aussage ärgert, sollte man sich vorstellen, jemand, den man sehr schätzt, zum Beispiel die geliebte Frau oder der beste Freund, tätigt dieselbe Aussage. Ärgert man sich immer noch maßlos darüber? Oder denkt man noch mal nach, ob immerhin irgendwas dran sein könnte?

Ich war kürzlich im Dorf Upahl in Mecklenburg-Vorpommern.

Dort, in einem 1600-Seelen-Ort, sollen rund 400 Flüchtlinge in einem neu errichteten Containerdorf untergebracht werden (https://www.sueddeutsche.de)

. Vergangene Woche sind die ersten angekommen. Man ist nicht rechtsextrem, wenn man sagt, dass das keine intelligente Idee ist. Auf diese Weise überfordert man die Einheimischen und die Geflüchteten. Da ich zufällig in der Nähe war und von Protesten hörte, fuhr ich hin - und sah Menschen, die auf ihre Plakate Galgen gemalt hatten. Bei den meisten dieser Menschen hatte ich nach kurzen Gesprächen den Eindruck, dass sie hilfsbereit und zugewandt sind, sich aber ärgern, dass sie in die Entscheidungsprozesse nicht eingebunden und nicht gehört worden sind. Ich verstehe ihre Verärgerung. Aber Galgen? Warum diskreditiert man sein völlig berechtigtes Anliegen durch so einen menschenverachtenden Protest?

Am anderen Ende zeigt die Aktivistengruppe "Letzte Generation", wie wenig sie sich um die Demokratie schert. Beschmiert das Brandenburger Tor, überkippt Kunstwerke mit Suppe und Brei, stört Konzerte, klebt sich auf Straßen und Landebahnen. Ihrem Anliegen schaden die Aktivisten. Weil sie den Eindruck erzeugen, Klimaschutz sei etwas für Anarchisten, die auf Rede und Gegenrede keinen Wert legen. Wer so für eine gute Sache streitet, der will nicht überzeugen, sondern bekehren. Und wer sich nicht bekehren lässt, ist nicht Gegner. Sondern Feind. Dies trägt keine demokratischen, sondern religiöse Züge.

Als ich Polenz auf X widerspreche, und zwar aus Erfahrung, gibt es Dresche: "Stammtisch!"


Man will um jeden Preis recht haben und zur Gruppe gehören - es ist so rührend wie gefährlich. In diesen Tagen sieht man das besonders gut in der Debatte über den Terrorangriff der Hamas auf Israel. Der CDU-Politiker Ruprecht Polenz schreibt auf X, man solle "der Hamas nicht den Gefallen tun, und die Muslime mit ihr gleichsetzen". Denn, so Polenz weiter: "Die allermeisten Muslime sind genauso entsetzt und lehnen den Terror der Hamas ab." Ich wünschte, er hätte recht. Als Reporter habe ich viele islamische Länder bereist, ich habe mehrere Jahre in Pakistan und in der Türkei gelebt, ich habe selbst schiitische Wurzeln und kenne eine Menge Muslime in Deutschland und Zeitungen aus der muslimischen Welt.

Mal traurig und nüchtern festgehalten: Ich fürchte, Polenz liegt mit seiner gut gemeinten Nachricht falsch. Als ich ihm auf X widerspreche, schreibt der Journalist Hanno Hauenstein, meine Worte klängen "wie Stammtisch". Der Feuilletonist Patrick Bahners eifert, ich hätte "keinen Beleg für die Behauptung, die allermeisten Muslime feierten den Hamas-Terror". Dabei hat doch Polenz von den "allermeisten Muslimen" gesprochen - Belege?

Aber meine Erfahrungen und Kenntnisse zählen nichts, ein "Beweis" muss her, besser eine "Studie". So wanderte ich als Sohn indisch-pakistanischer Eltern, aufgewachsen in Hollern-Twielenfleth im Alten Land, immer unterwegs rund um meine roots, in Gedanken noch mal vor den Eingang zur "Das ist kolonial"-Ausstellung in Dortmund. Wenn ich es freundlich sagen darf: Ich fühlte mich nicht gesehen.

Von Hasnain Kazim, 1974 in Oldenburg geboren, erschienen zuletzt bei Penguin "Plötzlich Pakistan - Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt" (2023) und "Auf sie mit Gebrüll - wie man Pöblern und Populisten Paroli bietet" (2020). Kazim lebt in Wien.

Über linke Debattenkultur von Hasnain Kazim: Ist mein Sohn dunkel genug? - Kultur - SZ.de was published on 2023-10-27

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