--------------------------------------------------------------------------------
date: 2023-10-31T17:29 tags: [date/2023/10/31, gemnews]
--------------------------------------------------------------------------------
--------------------------------------------------------------------------------
created: 2023-10-31T18:24:11 (UTC +01:00) tags: [Gesellschaft,Suizidversuch in Kara Tepe,Justiz,Geflüchtete,Suizid,Flüchtlingslager,Athen,Lesbos,Madhavi Noor,Kara Tepe,Effi Doussi,Europa] source:
author: Laura Meschede
--------------------------------------------------------------------------------
Suizidversuch in Kara Tepe: "Es war einfach genug" | ZEIT ONLINE
## Excerpt
Madhavi zündete sich in einem griechischen Flüchtlingslager an und überlebte schwer verletzt. In Athen musste sie deswegen vor Gericht – wegen Brandstiftung.
--------------------------------------------------------------------------------
BPC > Try for full article text (only report issue if not working for over a week): |
|
Wäre Madhavi ins Wasser gegangen, es wäre nicht weiter aufgefallen. Hier im Meer ertrinken jeden Monat Dutzende Menschen. Manchmal, wenn eine Leiche am Hafen angeschwemmt wird, gibt es eine Notiz in den nationalen Nachrichten. Aber in die internationale Berichterstattung schaffen es die Toten nur, wenn es außergewöhnlich viele gleichzeitig sind. Oder wenn sie zufällig von Touristen entdeckt werden; so wie Juni vergangenen Jahres, als Urlauber beim Baden am Strand zufällig über zwei Leichen stolperten. Doch so viele Urlauber gibt es hier nicht mehr.
Aber Madhavi hat sich angezündet.
Einen Tag nachdem Madhavi Noor, 27 Jahre, schwanger im neunten Monat, sich selbst in Brand gesteckt hatte, bekam sie Besuch von der Polizei. Sie war von den Behörden angezeigt worden. Madhavi hatte ihren Selbstmordversuch schwer verletzt überlebt, 40 Prozent ihrer Haut waren verbrannt. Der Vorwurf lautete: Brandstiftung. Strafmaß: bis zu zehn Jahre Haft.
Die Selbstverbrennung, so steht es auf Wikipedia, "gilt seit Jahrhunderten als die extremste Form des Protestes, die Menschen möglich ist". Aber als Madhavi Noor am 21. Februar 2021 ihr Zelt anzündete und darin sitzen blieb, als es in Flammen aufging, hatte sie keinen Protest im Sinn. Sie wollte nicht anprangern. Sie konnte es nur einfach nicht mehr aushalten. Keinen Tag länger, wie sie es Wochen später einer Journalistin sagte. "Es war einfach genug." Die Nachricht von ihrem Suizidversuch verbreitete sich rasant. Madhavi Noor hatte den Blick der Öffentlichkeit dahin gelenkt, wo er nicht erwünscht war.
Das
steht direkt an der Küste von Lesbos, die weißen Container und Zelte mit UNHCR-Logo reichen fast bis ans Wasser heran. Es sind Hunderte Container, sie stehen dicht an dicht; dazwischen ein paar Klohäuschen und eine kleine blaue Kinderrutsche, auf der niemand spielt. Als Madhavi noch hier gewohnt hat, haben regelmäßig die Fluten den Boden der Zelte unter Wasser gesetzt. "Wenn der Wind zu stark war, riss das Zelt aus dem Anker", sagt Amir. "Oft gab es tagelang kein Licht."
Amir ist der Ehemann von Madhavi, und er erzählt ihre Geschichte, weil Madhavi nicht mehr sprechen möchte. Madhavi hat viel geredet in den Wochen und Monaten nach ihrem Selbstmordversuch. Die Behörden haben Ermittler geschickt, die Hilfsorganisationen Anwälte, die Zeitungsredaktionen Reporter. Sie alle hatten Fragen an Madhavi, und Madhavi hat ihnen allen geantwortet. Jetzt, zwei Jahre später, möchte sie nicht mehr. Deshalb wurde ihr Name für diese Geschichte geändert, und deshalb ist es Amir, der sie erzählt. Madhavi sitzt stumm daneben. Manchmal, wenn seine Erzählung ins Stocken gerät, mischt sie sich ein und korrigiert ihn. Dann steht sie wieder auf und schneidet scheinbar unbeteiligt eine Wassermelone auf.
Madhavi ist eine kleine Frau mit einem rundlichen Gesicht und einem zurückhaltenden Lächeln. Als sie im Dezember 2019 mit Amir und ihren drei Kindern auf Lesbos ankam, gab es Kara Tepe noch nicht. Stattdessen gab es Moria, das bekannteste Flüchtlingslager Europas. Ein Lager mit Platz für bis zu 3000 Menschen und zeitweise mehr als 20.000 Bewohnern. Moria war bekannt geworden, weil es überfüllt war, und es war überfüllt, weil das politisch so beschlossen worden war; zumindest indirekt.
"Die 'Hotspots' sind faktisch zu Hafteinrichtungen geworden"
2016 hatte die Europäische Kommission den sogenannten EU-Türkei-Deal abgeschlossen. Gegen eine Zahlung von insgesamt drei Milliarden Euro erklärte sich die Türkei bereit, alle "irregulären Migranten, die ab dem 20. März 2016 von der Türkei auf die griechischen Inseln gelangen", wieder zurückzunehmen. Wer ein "irregulärer Migrant" war, das sollte direkt auf den griechischen Inseln geprüft werden. Also beispielsweise auf Lesbos.
Lesbos ist eine griechische Insel, aber sie liegt viel näher an der Türkei als am griechischen Festland. Wer mit dem Boot von der Türkei auf die Insel übersetzt, ist damit rechtlich in der Europäischen Union angekommen. Aber faktisch ist er vom Festland der EU noch weit entfernt. Der Flüchtlingsdeal bedeutete, dass das auch so blieb: Die Reise nach Europa endete nun auf den griechischen Inseln. Verlassen konnten die Asylsuchenden diese fortan nur noch mit einem akzeptierten Asylantrag – oder vermittels Abschiebung in die Türkei. Weil ein Asylverfahren aber leicht einige Monate bis Jahre dauern kann, stieg die Zahl der Menschen auf den Inseln sprunghaft an.
"Im Rahmen der Umsetzung der getroffenen Vereinbarung werden die Schutz suchenden Menschen grundsätzlich inhaftiert, sobald sie auf den griechischen Inseln ankommen", konstatierte das Deutsche Institut für Menschenrechte 2016 in einer Stellungnahme. "Die 'Hot Spots' sind faktisch zu Hafteinrichtungen geworden."
Madhavi und Amir wollten nicht nach Europa. Viele Jahre hatten sie im Iran gelebt; als zwei von mehr als drei Millionen afghanischen Flüchtlingen, die Schutz vor Verfolgung und Krieg gesucht hatten. "Im Iran hatten wir Arbeit, wir hatten ein Haus und ein Auto", sagt Amir. "Aber es gab ein Gesetz im Iran, dass Geflüchtete ihre Kinder nicht in die Schule schicken können. Unsere Kinder hatten keine Zukunft." Sie gingen zurück nach Afghanistan. Kurz darauf wurde ihr Sohn von einer kriminellen Bande entführt. "Als wir das Lösegeld bezahlt hatten und unser Sohn wieder frei war, sagte meine Frau: Hier bleibe ich nicht", erzählt Amir. Also Europa, der neue Versuch auf der Suche nach einem normalen Leben.
Ende 2019 bezogen Madhavi, Amir und ihre drei Kinder ihr Zelt in einem Waldstück am Rande des Lagers Moria. Ihr Tag hatte nun eine klare Struktur. "Morgens um drei habe ich mich in die Essensschlange für das Frühstück gestellt", sagt Amir. "Das habe ich meiner Frau und meinen Kindern gebracht, und bin sofort zurück in die Schlange, um auf das Mittagessen zu warten." Irgendwann bekamen sie die Nachricht, dass ihr Asylantrag bewilligt worden sei. An ihrem Alltag änderte das nichts. Neun Monate ging es so weiter.
.
Überraschend kam das nicht. Immer wieder waren hier kleinere Brände ausgebrochen, immer wieder war vor dem mangelnden Brandschutz gewarnt worden. Gelegentlich hatte es Tote gegeben: Im September 2019 starb eine Frau mit ihrem Kind bei einem Feuer, im März 2020 kam ein sechsjähriges Mädchen ums Leben. Aber als Moria im September 2020 endgültig niederbrannte, gingen die Bilder um die Welt – das brennende Lager wurde
.
Wer trug die Schuld? Menschenrechtsorganisationen zeigten mit ihrem Finger auf die EU; EU-Vertreter wiesen auf die Verantwortung der griechischen Regierung hin, die doch Hunderte Millionen Euro Hilfsgelder bekommen habe, um menschenwürdige Zustände herzustellen. Die griechische Regierung ließ erklären: "Das Feuer wurde von Menschen gelegt, die Asyl beantragt haben. Wir sagen es ihnen klipp und klar: Sie werden nicht wegen des Feuers die Insel verlassen. Das können sie vergessen."
Sie wohnten zu acht in einem Zelt
Ein paar Tage später nahm die griechische Polizei sechs Tatverdächtige wegen Brandstiftung fest. Im folgenden Prozess konnte kein Zeuge im Gerichtssaal die jungen Männer identifizieren. Verurteilt wurden sie trotzdem. Die zwei Minderjährigen bekamen fünf Jahre Haft, die Erwachsenen zehn. An die Stelle von Moria trat Kara Tepe. Ein neues Lager, nur wenige Kilometer entfernt von dem alten.
Madhavi und Amir gehörten zu den Ersten, die in Kara Tepe einziehen konnten. In den ersten Tagen nach dem Brand hatten sie mit ihren Kindern auf der Straße gelebt; fünf von 12.600 Menschen, die durch das Feuer obdachlos geworden waren. Im neuen Lager bekamen sie ein Zelt zur Verfügung gestellt, zusammen mit ihnen lebte eine weitere Familie darin. "Das Zelt war fünf mal zweieinhalb Meter groß", sagt Amir. "Wir haben zu acht darin gewohnt."
Nach dem Großbrand hatten verschiedene Staaten zugesagt, jeweils einige Hundert Menschen von der Insel zu evakuieren. Auch Deutschland. Madhavi und Amir wissen bis heute nicht, wie sie es auf die Liste geschafft haben. Aber einige Wochen nach dem Brand bekamen sie die Nachricht, dass sie auf der Liste derjenigen stünden, die nach Deutschland ausgeflogen werden sollten. Sie würden das Lager verlassen können.
Nur: Wann?
Zu dieser Zeit war Madhavi bereits schwanger. Es war ihre vierte Schwangerschaft. Bei der Geburt ihrer letzten Tochter waren Komplikationen aufgetreten; jede weitere Schwangerschaft sei für sie lebensgefährlich, hatten ihr die Ärzte gesagt. "Es gab auch andere schwangere Frauen im Lager", sagt Amir. "Wir haben eine Frau gesehen, deren Kind bei der Geburt starb, und eine andere, deren Narben sich nach dem Kaiserschnitt entzündet hatten und die dann mit ihren Wunden in dem Zelt lag. Meine Frau hatte Angst." Wann würden sie endlich gehen können? "Jeden Tag", sagt Amir, "haben wir Menschen gesehen, die das Lager verlassen haben und nach Deutschland gereist sind. Nur wir nicht." Die Tage vergingen. Madhavi saß jetzt oft in ihrem Zelt und weinte.
Dann die Nachricht: Es würde keinen Flug nach Deutschland für sie geben. In der Zeitung konnte man später lesen, Madhavis Schwangerschaft sei zu weit fortgeschritten gewesen, um zu fliegen. Amir sagt: "Sie haben uns die Gründe nicht gesagt. Nur dass wir im Lager bleiben müssen."
"Menschen können enorme Ressourcen mobilisieren, wenn sie wissen, dass ein schlimmer Zustand nur eine begrenzte Zeit andauert", sagt Katrin Glatz-Brubakk. "Aber wenn sie nicht wissen, wie lang er dauern wird, verlieren sie diese Fähigkeit." Glatz-Brubakk ist Kinderpsychologin und lehrt an der Universität in Trondheim. Seit Jahren reist sie immer wieder nach Lesbos, um dort ehrenamtlich in den Lagern zu helfen. Glatz-Brubakks Stimme bebt, wenn sie davon erzählt. Die Bilder aus dem Lager lassen sie nicht los. "Da war dieses Mädchen, das versucht hat, sich aufzuhängen", sagt sie. "Das war erst acht Jahre alt. Von den Behörden gab es keine Reaktion darauf." Im Jahr 2020 hat "Ärzte ohne Grenzen" nach eigenen Angaben 50 Kinder in den Lagern auf Lesbos wegen Suizidversuchen und schweren Selbstmordgedanken behandelt. Glatz-Brubakk sagt, sie habe immer wieder versucht, Suizidgefährdete in einer Klinik unterzubringen. Gelungen ist es ihr nie. "Die Antwort war immer, sie denken sich das nur aus, um schneller Asyl zu bekommen."
"Eines Morgens war ich unterwegs, um meinen Sohn zu baden", sagt Amir. "Als ich wiederkam, sah ich, dass Dutzende Leute um unser Zelt herumstanden. Es hat gebrannt. Viele Leute haben Wasserflaschen darauf geschüttet. Sie haben das Feuer gelöscht und meine Frau. Sie hat gebrannt. Es gab keine Feuerwehr. Keinen Krankenwagen. Nur ein Polizeiauto." Während er spricht, steht Madhavi wortlos auf, nimmt ihre Tochter auf den Arm und verlässt das Zimmer." Einen Tag nachdem meine Frau Feuer gefangen hatte", sagt Amir, "kam auch ein Rechtsanwalt an ihr Krankenbett und hat sie befragt. Ich sagte, es ist nicht der Tag für Fragen. Da haben sie mich aus dem Zimmer geschickt." Seine Frau war jetzt eine Kriminelle.
Heute lebt Madhavi in einem Lager in Berlin
"Die Ermittlungen gegen Madhavi waren politisch motiviert", sagt Effi Doussi. "Die Behörden wollen an ihr ein Exempel statuieren." Doussi ist die Anwältin von Madhavi. Sie hat kurze braune Haare und eine strenge Brille. Viele der Fälle, die es in den letzten Jahren aus dem kleinen Gerichtssaal von Lesbos in die Weltöffentlichkeit geschafft haben, wurden von ihr vertreten. "Seit dem Feuer haben die Behörden begonnen, harte Strafen gegen alle zu verhängen, die die Lebensbedingungen in den Camps nicht hinnehmen", sagt Doussi. "Auch wenn es kein bewusster Widerstand ist." Bei der Anklage gegen Madhavi, davon ist Doussi überzeugt, geht es nicht um Madhavi. "Ihren Suizidversuch zu einem Kriminalfall zu machen ist eine Botschaft an alle anderen Menschen in den Lagern", sagt sie. "Sie sollen keinen Widerstand leisten."
Das Lager, in dem Madhavi heute lebt, steht an einer Schnellstraße in Berlin. Containerbauten, Security am Eingang, auch hier eine Rutsche für Kinder, auf der niemand spielt. Wenn Madhavi das Lager betreten oder verlassen will, muss sie sich mit ihrer Identifikationskarte registrieren.
Es war Effi Doussie, die erwirkt hat, dass Madhavi nach der Geburt ihres Sohnes doch noch nach Deutschland umziehen konnte. Der Deal war: Einmal im Monat würde Madhavi sich bei der griechischen Botschaft melden, um zu belegen, dass sie sich den Ermittlungen nicht entzieht.
Als im Februar 2023 die Verhandlung gegen Madhavi beginnt, muss sie selbst nicht erscheinen; ein Arzt hat ihr bescheinigt, dass sie die Verhandlung psychisch nicht durchstehen würde. Es ist Amir, der für sie nach Lesbos fliegt und an ihrer Stelle im Gerichtssaal sitzt. Madhavi wird zu dreizehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Der Vorwurf der Brandstiftung wird fallen gelassen. Verurteilt wird sie für die Zerstörung des Zeltes, das Staatseigentum war.
Körperlich ist Madhavi davongekommen. Ihren Sohn hat sie noch im Krankenhaus auf Lesbos per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht; er ist gesund. Die meisten ihrer Wunden sind verheilt. Nur ihre Hand kann sie immer noch kaum bewegen; eine permanente Erinnerung an ihren brennenden Körper.
"Vor Gericht", sagt Amir, "habe ich mich entschuldigt dafür, dass es zu diesem Vorfall gekommen ist."
2021 wurden auf den griechischen Inseln Kos, Leros und Samos die ersten "Closed Controlled Access Centers" eröffnet: geschlossene Lager, die mit modernster Überwachungstechnologie ausgerüstet sind und die Außenstehende nicht betreten dürfen. Vertreter der NGOs, die in diesen Zentren helfen wollen, müssen unterschreiben, dass sie keine Informationen über die Vorgänge im Inneren nach draußen tragen. Auch auf Lesbos wird an einem solchen Zentrum gebaut. Es wird mit EU-Geldern finanziert und soll das Lager Kara Tepe ersetzen. Die Eröffnung wird in den nächsten Monaten erwartet.
Sollte sich in diesem Lager jemand selbst in Brand stecken, wird es vermutlich niemand mitbekommen.
Hinweis: Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800/1110111 und 0800/1110222.
Auch eine Online-Beratung ist über die
möglich.
Seitennavigation
Suizidversuch in Kara Tepe: "Es war einfach genug" | ZEIT ONLINE was published on 2023-10-31
Response: 20 (Success), text/gemini
| Original URL | gemini://gemini.autonomy.earth/posts/archive/articles-dat... |
|---|---|
| Status Code | 20 (Success) |
| Content-Type | text/gemini; charset=utf-8 |