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date: 2023-10-28T06:19 tags: [date/2023/10/28, gemnews]
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Hito Steyerl über Antisemitismus in der Kunst: »Einige halten die Hamas für eine Befreiungsbewegung« - DER SPIEGEL
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archived 27 Oct 2023 15:37:01 UTC
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Künstlerin Steyerl: »Viele haben Angst, ausgeschlossen zu werden vom derzeitigen Kunst-Mainstream«
Foto:
Rolf Vennenbernd / picture alliance / dpa
Hito Steyerl, 57, gilt als eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Welt. Auch an der jüngsten Documenta nahm sie teil, und dass sie sich
sorgte für großes Aufsehen. Sie warf den Organisatoren damals vor, keine Verantwortung für das Zeigen antisemitischer Inhalte zu übernehmen. Nun meldet sie sich erneut zu Wort. Der Auslöser ist ein Brief, der vergangene Woche auf mehreren einflussreichen Plattformen – unter anderem
– veröffentlicht wurde, Tausende aus der Kunstwelt haben ihn unterzeichnet. Er handelte zuerst ausschließlich vom Leid in Gaza, ein »eskalierender Völkermord« wurde beklagt. Erst in einem »Update« dieser Woche wurde das von der
verübte Massaker des 7. Oktober erwähnt. Steyerl kritisiert diesen Brief nach wie vor, und hat
aus
unterschrieben. In dem heißt es: »Es sollte keinen Widerspruch geben zwischen der entschiedenen Ablehnung der israelischen Besatzung und der humanitären Krise in Gaza sowie der unmissverständlichen Verurteilung brutaler Gewaltakte gegen unschuldige Zivilisten in Israel.«
SPIEGEL: Frau Steyerl, am 19. Oktober wurde unter anderem vom einflussreichen US-Kunstmagazin »Artforum« ein Brief »der Kunstgemeinschaft« veröffentlicht, den Tausende Künstlerinnen und Künslter unterzeichneten. Sie haben nicht unterschrieben, warum nicht?
Hito Steyerl: Ich war sehr bestürzt über die Einseitigkeit dieses Briefes. Wer immer ihn verfasst hat, hat vermieden, die am 7. Oktober
auch nur zu benennen.
SPIEGEL: Ein zentraler Satz lautet: »Wir unterstützen die Befreiung Palästinas!«
Steyerl: Ich denke, Palästina sollte von vielen Dingen befreit werden. Punkt.
SPIEGEL: Kunstinstitutionen sollten, so wird in dem Brief angemahnt, die Freiheit des Lebens unterstützen. Dagegen ist nichts zu sagen, oder?
Steyerl: Nein, und auch nicht gegen die humanitären Forderungen der Originalpetition für die Zivilbevölkerung Gazas. Aber es haben etliche Unterzeichner ihre Unterschrift aufgrund ihrer Einseitigkeit auch wieder zurückgezogen. So ist durch diese Aktion immerhin sehr klar geworden, dass viele Künstler und Künstlerinnen nicht genau nachdenken, bevor sie solche Briefe unterschreiben. Sie erliegen schlicht der Dynamik der sozialen Medien, da wird eine Art Herdentrieb erzeugt.
SPIEGEL: Geht es den Unterzeichnern dann gar nicht um Inhalte, sondern nur darum, Teil von etwas zu sein? Nicht ausgeschlossen zu sein vom inner circle?
Steyerl: Viele Leute haben tatsächlich Angst, dass sie ausgeschlossen werden, wenn sie dem derzeitigen Kunst-Mainstream nicht folgen. »Artforum« hat den Brief nicht geschrieben, aber veröffentlicht. Und man hat dann nachträglich einen Vorspann hinzugefügt, der nochmals klarstellt, dass der Brief eben nicht von der Redaktion verfasst und verantwortet worden ist. Ich halte es für völlig legitim, Diskussionsbeiträge zu veröffentlichen, und ich halte es für einen großen Fehler, den zuständigen Redakteur gleich zu entlassen, wie es mittlerweile geschah. Ich frage mich allerdings auch, weshalb die Gegenposition dort und auf anderen Plattformen nicht veröffentlicht wurde.
SPIEGEL: Das israelische Onlinemagazin »Erev Rav« hat eine Antwort publiziert, die auch Sie unterzeichnet haben.
Steyerl: Ja, weil es wichtig ist, dass dem Eindruck widersprochen wird, dass das internationale Kunstfeld sich in diesen Fragen einig ist. Es gibt darin etliche verschiedene Positionen.
SPIEGEL: Ist die Kunstwelt also – wegen des Nahostkonflikts – regelrecht gespalten?
Steyerl: Diese Spaltung gibt es schon länger, aber jetzt kommen endlich auch verschiedene Seiten international zu Wort. Momentan gibt es eine Kunstmarktposition, eine progressiv-universalistische Strömung und eine wie Slavoj Žižek richtig sagt: identitäre Pseudo-Linke. Von denen halten einige die Hamas für eine dekoloniale Befreiungsbewegung. Genau wie Erdoğan.
»Auf der anderen Seite ist es auch so, dass Leute wie ich, die sowohl Antisemitismus als auch Rassismus als Problem sehen von Pseudolinken, zunehmend heftig angegangen werden.«
SPIEGEL: Wie würden Sie diese Ideologie beschreiben?
Steyerl: Lassen Sie es mich so sagen: Mir fällt in der Kunstwelt ein mehrfach verkürztes Verständnis von Geopolitik und Machtverhältnissen auf. Im Kunstbereich zirkulieren dazu sehr viele Plattitüden. Auch das ist eine Folge davon, dass Menschen sich nur noch schnell den Meinungswellen in den sozialen Medien anschließen. Zugleich wächst die Ausgrenzung auf allen Seiten.
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»Schon der Begriff ›Israelkritik‹ zeigt, dass es hier ein Problem gibt« [IMG] (https://archive.ph)
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Steyerl: Es ist ein Faktum, dass Palästinenserinnen und Palästinenser in Deutschland einer Art Präventivverdacht ausgesetzt sind. Das kann nicht so weitergehen. Sie müssen sich zu Wort melden, demonstrieren und ihre Grundrechte ausüben können wie andere auch. Die Situation eskaliert sonst weiter. Dieser Vorverdacht ist Teil dieser elenden Polarisierungsdynamik und muss endlich ein Ende haben. Auf der anderen Seite ist es auch so, dass Leute wie ich, die sowohl Antisemitismus als auch Rassismus als Problem sehen von Pseudolinken, zunehmend heftig angegangen werden. Deswegen haben viele Angst, differenziertere Positionen zu artikulieren.
SPIEGEL: Woran erkennen Sie das?
Steyerl: Ich habe selbst versucht, eine Art Gegenbrief zu initiieren zu jenem Brief, der auf »Artforum« und anderen Plattformen erschienen ist. Ich habe exakt zwei Leute gefunden, die sofort mitmachen wollten. Alle anderen haben gesagt, das ist mir zu kompliziert, vielleicht warten wir ein bisschen, mich geghostet und so weiter.
»Offener Brief der Kunstgemeinschaft«: Am 19. Oktober auf mehreren Plattformen veröffentlicht
SPIEGEL: Sie sind bekannt dafür, keine Rücksicht auf die Mehrheitsmeinungen in der Kunstwelt zu nehmen. Sie waren Künstlerin der vergangenen Documenta und verließen diese, weil die Leitung Ihrer Meinung nach keine Verantwortung für Werke und Statements mit antisemitischem Inhalt übernahm.
Steyerl: Dabei war diese Haltung der Documenta überraschend stilbildend.
SPIEGEL: Inwiefern?
Steyerl: Den Umgang der Documenta mit ihrem Antisemitismusproblem hat Hubert Aiwanger meiner Meinung nach in der Affäre um das faschistische Flugblatt in seinem Ranzen 1:1 kopiert. Erst die Verantwortung ins Kollektiv outsourcen – bei ihm in die Familie – und dann so lange wie möglich eisern schweigen. Also weitgehend dazu stehen und profitieren. Bloß gab es anders als jetzt bei den Minderjährigen auf der Sonnenallee keine Appelle, Aiwanger abzuschieben. Antisemitismus lässt sich nicht abschieben – der ist hier leider endemisch und bis weit in die sogenannte bürgerliche Mitte hinein normalisiert.
Umstrittenes Kunstwerk des Briten Hamja Ahsan auf der Documenta 2022: »Mittel- bis langfristig ist diese Situation umkehrbar«
Foto: Heiko Meyer / laif
SPIEGEL: Ist die von Ihnen geschilderte Spaltung der künstlerischen und intellektuellen Welt sogar so tief, dass man sie nicht mehr überwinden kann?
Steyerl: Das würde ich so kategorisch nicht sagen. Mittel- bis langfristig ist diese Situation umkehrbar. Ich habe das Gefühl, wir haben einen Punkt erreicht wie viele linke Bewegungen Mitte der Siebzigerjahre. Damals mündeten antiimperialistische Bestrebungen teils in der Bewunderung von Diktaturen oder mittlerweile islamistischen Stasi-Söldnern. Das brachte einige dann doch irgendwann dazu, umzudenken. Diese Prozesse erschöpfen sich also zwangsläufig irgendwann, weil sie zu gewalttätig und zu korrupt werden. Das wird in diesem Falle leider noch eine Weile dauern.
SPIEGEL: Inwiefern spielt bei denen, die sich gegen Israel äußern, plumper Antisemitismus eine Rolle, der vielleicht bleibt?
Steyerl: Vorweg dieses: Viele oppositionelle Israelis haben selbst gegen die israelische Regierung protestiert, das wird oft schon wieder vergessen, und es wäre natürlich kontrafaktisch und irrational, sie als Antisemiten zu bezeichnen. Sie kritisieren unter
und das völlig zu Recht. Doch für einige Menschen in der Kunstwelt, die jetzt gegen Israel Partei ergreifen, spielen sehr wohl antisemitische Motive eine Rolle. Ich würde sagen, es ist noch immer eine sehr kleine Minderheit, aber mit großem Einfluss. Sie ist auch sehr geschickt, vermeidet Triggerbegriffe wie BDS mittlerweile weitgehend.
SPIEGEL: BDS ist eine Initiative, deren Anhänger den Boykott Israels auf allen Ebenen – politisch, ökonomisch, kulturell – fordern. Auch wird Israel in diesen Kreisen oft als Apartheidstaat diffamiert. In der deutschen Kulturlandschaft gibt es für diese antiisraelische Haltung viele Sympathien. Sie würden also sagen, wer BDS nahesteht, vertuscht das und verbreitet zugleich diese Boykott-Ideologie?
Steyerl: So nehme ich es mehr und mehr wahr. Neue Taktik. Meine Ablehnung theokratisch-patriarchaler Bewegungen wie der Hamas kommt allerdings gar nicht primär aus diesem Kontext, sondern daher, dass ich in
selbst gesehen habe, wie islamistische Gewalt aussieht.
SPIEGEL: Sie hielten sich vor Jahren immer wieder auf kurdischem Gebiet auf, weil Sie für einen Film der Geschichte Ihrer Jugendfreundin Andrea nachgingen, die sich später der PKK angeschlossen hatte.
Steyerl: Ja, ich wurde mit diesem Thema konfrontiert, weil diese Kindheitsfreundin vom türkischen Militär gefangengenommen und getötet worden war. Seither war ich immer wieder in Kurdistan. Die Schlacht von Kobanê gegen Daesh habe ich mit eigenen Augen gesehen. Ich habe gesehen, wie die Körper von gefangenen, getöteten und teilweise enthaupteten 17-,18-, 19-jährigen Mädchen zurück über die Grenze gebracht wurden. Kämpfer des sogenannten »Islamischen Staats« hatten sie ermordet. Ich sehe auch den jetzigen Hamas-Angriff sehr stark vor dieser Erfahrung. Deswegen fällt es mir im Traum nicht ein, die Hamas als Befreiungsbewegung zu verharmlosen.
Hito Steyerl über Antisemitismus in der Kunst: »Einige halten die Hamas für eine Befreiungsbewegung« - DER SPIEGEL was published on 2023-10-28
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